Der Impfstoffhersteller BioNTech steht vor einem radikalen Umbau. Bis zu 1.860 Stellen werden gestrichen, mehrere Produktionsstandorte in Deutschland und weltweit geschlossen. Betroffen sind unter anderem Marburg, Idar-Oberstein, Tübingen sowie ein Werk in Singapur. Hintergrund sind sinkende Umsätze im Covid-19-Impfstoffgeschäft, steigende Kosten und eine klare strategische Neuausrichtung auf Krebsforschung und mRNA-Technologie.
Gleichzeitig überträgt BioNTech die Produktion von Corona-Impfstoffen vollständig an den Partner Pfizer und plant Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro jährlich ab 2029.
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BioNTech: Umsatzrückgang und steigende Verluste
Nach dem Ende der Corona-Pandemie gerät BioNTech wirtschaftlich zunehmend unter Druck. Der Umsatz sank im ersten Quartal 2026 auf 118,1 Millionen Euro. Dies ist ein deutlicher Rückgang gegenüber 182,8 Millionen Euro im Vorjahr. Gleichzeitig erhöhte sich der Nettoverlust auf 531,9 Millionen Euro. Ein zentraler Grund ist der massive Einbruch im Geschäft mit Covid-19-Impfstoffen. Während BioNTech in der Pandemie Milliardenumsätze erzielte, ist die Nachfrage inzwischen stark gesunken. Gleichzeitig steigen die Investitionen in Forschung und Entwicklung deutlich an, insbesondere im Bereich der Immunonkologie.
BioNTech im Überblick
(Vorstandsvorsitzender) |
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Das Unternehmen setzt verstärkt auf innovative Krebstherapien auf mRNA-Basis, die als Schlüsseltechnologie der Zukunft gelten. Diese Transformation vom Impfstoffhersteller zum Biotech-Unternehmen mit Fokus auf Onkologie ist jedoch kostenintensiv. Für das laufende Jahr erwartet BioNTech weiterhin sinkende Einnahmen auf den europäischen und US-amerikanischen Märkten. Für 2026 prognostiziert der Konzern Umsätze zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro. Parallel arbeitet BioNTech an einem angepassten Covid-19-Impfstoff für die Saison 2026/27.
Werksschließungen in Marburg und Tübingen sorgen für Kritik
Die geplanten Werksschließungen treffen mehrere Regionen hart, insbesondere den traditionsreichen Pharmastandort Marburg. Die dortige Produktionsanlage zählt zu den größten mRNA-Standorten Europas und wurde ursprünglich vom Pharmakonzern Novartis übernommen und modernisiert. Auch die Schließung des früheren CureVac-Standorts in Tübingen sorgt für scharfe Kritik. Oberbürgermeister Boris Palmer bezeichnete die Entscheidung als “schweren Schlag” für die Region und forderte eine Lösung zum Erhalt von Arbeitsplätzen und Forschungskompetenz.
“Ich erwarte von Biontech, dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft über Alternativen verhandelt wurde. Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht.”
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer
BioNTech erklärte, die Entscheidungen habe man “schweren Herzens” getroffen und seien rein strategischer Natur. Überkapazitäten, geringe Auslastung und Kostendruck hätten keine Alternative gelassen. Der Stellenabbau soll möglichst sozialverträglich erfolgen. Die Situation in Marburg spiegelt einen breiteren Trend wider. Auch Unternehmen wie CSL Behring bauen Stellen ab. Laut der Gewerkschaft IG BCE könnten insgesamt bis zu 1.500 Jobs in der Region betroffen sein.
Strategiewechsel: BioNTech setzt auf mRNA-Krebstherapien
Mit dem Umbau verfolgt BioNTech eine langfristige Strategie. Das Unternehmen will sich als führender Anbieter in der Krebsforschung etablieren. Bis 2030 sollen mehrere Zulassungsanträge für neue Onkologie-Medikamente gestellt werden. Die Einsparungen aus den Werksschließungen und dem Stellenabbau sollen gezielt in die Entwicklung und Kommerzialisierung dieser Therapien fließen.
Damit setzt BioNTech auf nachhaltiges Wachstum außerhalb des schrumpfenden Impfstoffmarktes. Zusätzlich steht ein Führungswechsel bevor. Die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci wollen spätestens Ende des Jahres aus dem Unternehmen ausscheiden.
