Der Krankenstand bei Tesla im Werk Grünheide ist drastisch gesunken. Von rund 17 Prozent im August 2024 auf unter fünf Prozent. Gleichzeitig sorgt der Umgang des Unternehmens mit der Lohnfortzahlung für krankgeschriebene Mitarbeiter für wachsende Kritik.
Während Tesla den Rückgang als Erfolg im internationalen Wettbewerb der Elektromobilität wertet, sprechen Arbeitsrechtler von rechtlich problematischen Methoden. Der Konflikt könnte weitreichende Folgen für die Arbeitsbedingungen in der boomenden Industrie der Elektroautos haben.
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Tesla reduziert Krankenstand durch Anreize und Leistungsdruck
Der gesunkene Krankenstand bei Tesla gilt intern als Schlüsselkennzahl für mehr Effizienz. Laut Werksleiter André Thierig wurde dieser durch gezielte Maßnahmen erreicht. Dazu zählen ein Mitarbeiter-Aktienprogramm, ein Fitnessstudio auf dem Werksgelände sowie zusätzliche Angebote wie ein Barbershop. Beschäftigte können zudem für 25 Euro täglich ein Tesla-Fahrzeug nutzen. Ein ungewöhnlicher Vorteil in der Produktion von Elektroautos. Nach Unternehmensangaben habe sich dadurch die Arbeitskultur deutlich verbessert. Mitarbeiter kämen motivierter zur Arbeit, teilweise bereits in Arbeitskleidung.
Steckbrief Tesla Inc.
Solarindustrie Energiespeicher |
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Robyn Denholm (Chairwoman) |
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Gleichzeitig bleibt der Druck in Grünheide hoch. Schon 2023 stellte die Werksleitung klar, dass es keinen Raum für unmotivierte Beschäftigte gebe. 2024 sorgten zudem unangekündigte Hausbesuche bei krankgeschriebenen Mitarbeitern für Kritik. Parallel treibt Tesla die Automatisierung weiter voran. Trotz wachsender Produktion ist die Belegschaft von rund 12.400 auf etwa 10.700 Mitarbeiter gesunken. Bis Ende Juni soll die Produktion auf bis zu 6.000 Fahrzeuge pro Woche steigen. Der geringere Personalbedarf wird mit technologischen Fortschritten begründet. Ein zentraler Faktor im globalen Wettbewerb der Elektromobilität, insbesondere gegenüber Herstellern aus China.
“Ich glaube, da würden viele Unternehmen neidisch drauf schauen, hätten sie das geschafft.”
Werksleiter André Thierig zur Entwicklung des Krankenstands im Tesla-Werk Grünheide
Lohnfortzahlung bei Tesla im Fokus von Gewerkschaften
Während der niedrige Krankenstand als Erfolg gilt, sorgt die Praxis der Lohnfortzahlung bei Tesla für erhebliche Spannungen. Das Unternehmen verschickt Schreiben an länger erkrankte Mitarbeiter mit dem Hinweis: “Keine weitere Entgeltfortzahlung wegen möglicher Fortsetzungserkrankung”. Konkret bedeutet das: Tesla stellt die Lohnfortzahlung ein, wenn Zweifel bestehen, ob eine neue Erkrankung vorliegt. Betroffene Beschäftigte sollen ihre Krankengeschichte offenlegen und ihre Ärzte von der Schweigepflicht entbinden. Der Konzern beruft sich dabei auf ein Urteil des Bundesarbeitsgericht, das Arbeitgebern erlaubt, eine Fortsetzungserkrankung zu prüfen.
PKW-Zulassungen im März 2026
Arbeitsrechtler sehen jedoch klare Grenzen überschritten. Der Bonner Professor Gregor Thüsing betonte, dass weder Arbeitnehmer Diagnosen offenlegen müssen noch Ärzte verpflichtet sind, detaillierte medizinische Informationen weiterzugeben. Die Anforderungen von Tesla gingen über die geltende Rechtsprechung hinaus. Auch die IG Metall hat reagiert. Bereits 2024 erstritt die Gewerkschaft rund 160.000 Euro für Beschäftigte zurück, denen zuvor Lohnzahlungen verweigert worden waren. Der Streit um Krankenstand und Lohnfortzahlung zeigt, wie stark wirtschaftlicher Druck und arbeitsrechtliche Grenzen in der Elektroauto-Industrie aufeinanderprallen.