Geschichte der Vorwahlen
Von der Handvermittlung zur Vorwahl
Vorwahlen gibt es, weil Telefonnetze nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen vermittelt werden. In den ersten Jahrzehnten nach dem Start des Telefons im Deutschen Kaiserreich 1881 verband das „Fräulein vom Amt“ die Gespräche von Hand am Klappenschrank: Der Anrufer nannte den gewünschten Ort und Anschluss, die Vermittlung stellte die Verbindung über Fernleitungen her. Eine Nummer, die den Zielort codiert, brauchte es dafür nicht. Erst als Wähler und Relais das Durchschalten übernahmen, musste das Ziel als Ziffernfolge eingegeben werden – die Vorwahl war geboren.
Der Selbstwählferndienst in Deutschland
Am 16. Mai 1923 nahm die Reichspost in Weilheim in Oberbayern das erste Selbstwähl-Fernsprechamt der Welt in Betrieb. Die Netzgruppe Weilheim umfasste die Stadt und die meisten Orte im Umkreis von etwa 25 Kilometern; erstmals konnten Teilnehmer Gespräche zwischen verschiedenen Ortsnetzen selbst wählen. Nach zehn Jahren zählte die Netzgruppe rund 1.200 Teilnehmer.
Den bundesweiten Selbstwählferndienst (SWFD) baute die Deutsche Bundespost in den 1950er-Jahren auf. Schritt für Schritt wurden die verbliebenen Handvermittlungen ersetzt: Die letzte handbediente Ortsvermittlung im damaligen Bundesgebiet, in Uetze bei Hannover, wurde 1966 stillgelegt. 1972 war der Selbstwählferndienst in Westdeutschland flächendeckend verfügbar. Für Auslandsgespräche blieben handvermittelte Verbindungen noch bis in die 1980er-Jahre üblich; die Deutsche Telekom stellte die Handvermittlung von Inlandsgesprächen erst zum 1. August 2003 endgültig ein. In der DDR dauerte die Automatisierung länger – das letzte handvermittelte Fernmeldeamt wurde am 23. November 1994 in Potsdam geschlossen.
Wie deutsche Ortsnetzkennzahlen aufgebaut sind
Eine deutsche Festnetznummer besteht aus der Verkehrsausscheidungsziffer 0, der Ortsnetzkennzahl und der Teilnehmerrufnummer. Die 0 signalisiert der Vermittlungsstelle, dass das Gespräch das eigene Ortsnetz verlässt; aus dem Ausland entfällt sie (+49 statt 0). Deutschland ist heute in rund 5.200 Ortsnetzbereiche gegliedert, deren Kennzahlen zwei- bis fünfstellig sind (ohne die 0). Nur vier Städte haben zweistellige Kennzahlen: Berlin (030), Hamburg (040), Frankfurt am Main (069) und München (089). Fünfstellige Kennzahlen gibt es nur in den neuen Bundesländern, sie beginnen mit 3.
Die erste Ziffer nach der 0 verrät grob die Region. Die Zuordnung folgt dem historischen Aufbau des Fernnetzes und ist keine exakte Landesgrenze:
| Ziffernbereich | grobe Region | Beispiel |
|---|---|---|
| 02 | Westen (Rheinland, Ruhrgebiet, Westfalen) | 0211 Düsseldorf |
| 03 | Osten (Berlin und neue Bundesländer) | 030 Berlin, 0341 Leipzig |
| 04 | Norden (Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen) | 040 Hamburg |
| 05 | Nördliche Mitte (Niedersachsen, Ostwestfalen) | 0511 Hannover |
| 06 | Südliche Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) | 069 Frankfurt am Main |
| 07 | Südwesten (Baden-Württemberg) | 0711 Stuttgart |
| 08 | Süden (Oberbayern, Schwaben) | 089 München |
| 09 | Südosten (Franken, Ostbayern) | 0911 Nürnberg |
Der Bereich 01 ist nicht geografisch: Dort liegen Mobilfunkvorwahlen (015x, 016x, 017x), Betreiberkennzahlen für Call-by-Call (010xy), Massenverkehrsnummern (0137) und Servicedienste (0180). Zuständig für Ortsnetzbereiche und Kennzahlen ist die Bundesnetzagentur; Grundlage ist ihre Verfügung 25/2006, die seither mehrfach geändert wurde.
Das DDR-Netz und die Wiedervereinigung
Bis zur Wiedervereinigung existierten in Deutschland zwei getrennte Telefonnetze: Die Bundesrepublik einschließlich West-Berlins nutzte die Landeskennzahl +49, die DDR die +37, jeweils mit eigenen Vorwahlen. Selbst innerhalb Berlins galt die andere Stadthälfte als eigenes Vorwahlgebiet: West-Berliner erreichten Ost-Berlin über die Vorwahl 0372, Ost-Berliner wählten West-Berlin mit dem Präfix 849.
Am 15. April 1992 wurden die ostdeutschen Vorwahlen in den westdeutschen Nummernplan integriert und erhielten die bis dahin freie Gasse 03. In den meisten Fällen wurde dazu eine 3 eingefügt – so wurde aus Erfurts DDR-Kennzahl 61 die 0361, aus Leipzig (41) die 0341 und aus Dresden (51) die 0351. Ost-Berlin kam unter die West-Berliner 030. Bis zum 1. Juni 1992 konnten alte Vorwahlen und die alte Landeskennzahl parallel gewählt werden. Weil Berlin nun eine gemeinsame Vorwahl hatte, mussten rund 140.000 Ost-Berliner und etwa 15.000 West-Berliner Rufnummern geändert werden. Die frei gewordene Kennzahl 37 nutzte die ITU später als Block für neue Landeskennzahlen (37x), etwa für Litauen (+370), Lettland (+371), Estland (+372) und Belarus (+375).
Weltnummerierungszonen der ITU und E.164
Damit internationale Selbstwahl möglich wurde, brauchte es eine weltweit eindeutige Landeskennzahl. 1960 legte der CCITT (heute ITU-T) zunächst einen internationalen Nummernplan für Europa und angrenzende Gebiete fest; 1964 wurde er zu einem globalen System mit neun Weltnummerierungszonen erweitert. Die erste Ziffer einer Landeskennzahl steht seitdem für die Zone:
- 1 – Nordamerikanischer Nummernplan (USA, Kanada, Teile der Karibik)
- 2 – überwiegend Afrika
- 3 und 4 – Europa (z. B. +33 Frankreich, +41 Schweiz, +43 Österreich, +49 Deutschland)
- 5 – Mexiko, Mittel- und Südamerika
- 6 – Südostasien und Ozeanien
- 7 – Russland und Kasachstan (ehemals Sowjetunion)
- 8 – Ostasien und Sonderdienste
- 9 – West-, Süd- und Zentralasien sowie Naher Osten
Die heute maßgebliche Empfehlung ITU-T E.164 erschien erstmals 1988 im „Blue Book“ unter dem Titel „Numbering Plan for the ISDN Era“ und wurde 1997 grundlegend überarbeitet. Sie begrenzt eine internationale Rufnummer auf höchstens 15 Ziffern ohne internationales Präfix; die Landeskennzahl ist ein- bis dreistellig, der Rest ist die nationale Rufnummer.
Der nordamerikanische Nummernplan von 1947
Einen eigenen Weg ging Nordamerika: 1947 legte AT&T einen einheitlichen Nummernplan fest, damit Ferngespräche ohne Vermittlung gewählt werden konnten. Er umfasste zunächst 86 Vorwahlbereiche – 77 in den USA und 9 in Kanada. Bundesstaaten mit nur einer Vorwahl erhielten eine 0 als mittlere Ziffer, Staaten mit mehreren eine 1; dicht besiedelte Gebiete bekamen auf der Wählscheibe schnell zu wählende Codes, etwa 212 für New York City. Aus diesem Plan wurde der North American Numbering Plan mit der gemeinsamen Landeskennzahl +1. 1992 erhielt New York mit der 917 die erste Overlay-Vorwahl, die sich dasselbe Gebiet mit bestehenden Vorwahlen teilt.
Mobilfunkvorwahlen in Deutschland
Mobilfunknummern haben in Deutschland eigene, nicht geografische Vorwahlen. Das analoge C-Netz der Bundespost startete 1985 mit der Vorwahl 0161 und löste das B-Netz ab. Es lief bis 2000, in Teilgebieten bis 2001; seine Nummern konnten nicht in die digitalen GSM-Netze übernommen werden. 1992 starteten die digitalen D-Netze: D1 der Telekom mit der 0171 (später auch 0170) und D2 mit der 0172. Am 27. Mai 1994 folgte mit E-Plus das erste E-Netz, zunächst in Berlin, mit der Vorwahl 0177. Mit wachsender Nachfrage kamen weitere Vorwahlen hinzu, bei der Telekom etwa 0160, 0175 und 0151.
Liberalisierung 1998
Am 1. Januar 1998 fiel das Telefonmonopol der Deutschen Telekom. Mit dem Telekommunikationsgesetz nahm die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post ihre Arbeit auf, aus der die heutige Bundesnetzagentur hervorging. Neue Anbieter konnten über eigene Betreiberkennzahlen (010xy) per Call-by-Call oder dauerhaft per Preselection gewählt werden. Kurz nach der Freigabe zählte der Branchenverband BITKOM über 1.000 Dienste- und Netzanbieter. Auch die Sondernummern wurden neu geordnet: Die Freecall-Vorwahl 0130 wurde Ende 2000 durch die europaweit übliche 0800 ersetzt, und die missbrauchsanfällige 0190 musste bis Ende 2005 der 0900 weichen.
Rufnummernmitnahme
Mit der Liberalisierung wurde auch die Rufnummernportierung eingeführt: Wer den Festnetzanbieter wechselt, kann seine Nummer innerhalb des Ortsnetzes behalten. Im Mobilfunk sind Anbieter seit dem 1. November 2002 verpflichtet, die Mitnahme zu ermöglichen. Anfangs ging das nur zum Vertragsende, seit Mai 2012 jederzeit, und seit dem 1. Dezember 2021 ist die Portierung kostenlos. Für Anrufer hat das eine Folge: Die Mobilfunkvorwahl verrät nicht mehr zuverlässig, in welchem Netz ein Anschluss geschaltet ist.
Quellen
- Stadt Weilheim i. OB: Jüngere Stadtgeschichte
- Wikipedia: Klappenschrank
- Wikipedia: Geschichte des Telefonnetzes
- teltarif.de: Telekom stellt Handvermittlung von Inlandsgesprächen ein (2003)
- Bundesnetzagentur: Ortsnetzrufnummern
- Wikipedia: Telephone numbers in Germany
- Simple English Wikipedia: Area codes in Germany
- Wikipedia: Telephone numbers in East Germany
- Wikipedia: Telefonvorwahl (DDR)
- Museumsstiftung Post und Telekommunikation: Presseinformation „Jetzt wächst zusammen …“
- Wikipedia: E.164
- ITU: Liste der zugeteilten Landeskennzahlen (E.164)
- Wikipedia: Original North American area codes
- lincmad.com: The 1947 area code table
- Wikipedia: Area code 917
- sigidwiki: Radio Telephone Network C (C-Netz)
- simdealz: 0171 – die erste Mobilfunkvorwahl Deutschlands
- simdealz: 0177 – die erste E-Plus-Nummer seit 1994
- teltarif.de: 10 Jahre Liberalisierung (Pressemitteilung 17.12.2007)
- teltarif.de: 0800 und 00800 – die kostenlosen Vorwahlen
- schieb.de: 0190 ist tot, es lebe 0900
- teltarif.de: Portierung – die kostenlose Rufnummernmitnahme